Web-Talk Expert*innengespräch: Die Stadt der Zukunft – nachhaltige Stadtentwicklung

Mit Olaf Cunitz hatte Ellen Enslin, Grüne Fraktionsvorsitzende, einen ausgewiesenen Fachmann für nachhaltige Stadtentwicklung zu Gast. Er war grüner Planungsdezernent und Bürgermeister in Frankfurt, dann Stadtentwickler bei der Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft und ist jetzt Quartiersentwickler bei der GWH Wohnungsgesellschaft mbH ist. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit waren auch die Entwicklung von sogenannten Konversionsflächen. Gebieten also, die früher eine andere Nutzung hatten z. B. gewerblich oder militärisch.

Wichtige Fragen für diese Entwicklung waren im Verkehrsbereich z. B. E-Ladeangebote, Car-Sharing, E-Lastenangebote-Angebote.

Worauf muss geachtet werden und wie können Quartiere nachhaltig gestaltet werden? Wie sieht eine abgestimmte Stadtentwicklung aus und was kann Usingen daraus lernen? Das waren Fragen, die gestellt wurden.

Ellen Enslin stellte die Usinger Baugebiete auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses sowie auf dem ehemaligen Schulgelände vor und ihre Forderungen an neue Baugebiete:

Für die Grünen ist die umweltfreundliche Mobilität wichtig, wie sieht der ÖPNV, und ist es ein fahrrad- und fußgängerfreundliches Viertel? Dies sind Aspekte, die bei einer nachhaltigen Stadtplanung berücksichtigt werden sollten.

Die Grünen fordern bei den neugeplanten Baugebieten in Usingen, die verkehrlichen und ökologischen Auswirkungen mit zu berücksichtigen. Sie fordern ein vertiefendes Verkehrskonzept, aber auch dass die Themen Wasserknappheit und Artenschutz müssen stärker beachtet und in eine notwendige Gesamtbetrachtungen einbezogen werden.

Ist ein gut ausgebautes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln vorhanden, und ist es ein fahrrad- und fußgängerfreundliches Viertel? Dies sind Aspekte, die bei einer nachhaltigen Stadtplanung berücksichtigt werden sollten.

Nachhaltige Entwicklung bedeutet den Flächenverbrauch zu minimieren. Ein klimafreundliche Baugebiet ist allerdings eine Illusion, es gibt nur ein klimaverträgliches.
Als mögliche Stellschrauben sind hier die Mobilität, Energie- und Wärmeversorgung zu nennen. Zur Nachhaltigkeit gehört eine ganzheitliche Betrachtung und auch die soziale Betrachtung, für wen sollen die Wohnangebote geschaffen werden.

Die zentrale Frage der Stadtentwicklung ist: Was ist der Bedarf, was braucht unser Gemeinwesen? Wie sah die Stadtentwicklung in den letzten 10 Jahren aus und wo soll sie hingehen? Es geht nicht nur um Wohnbebauung, sondern auch um die sinnvolle Ansiedlung von Gewerbe und Arbeitsplätze.

Viele Kommunen haben vor dem Hintergrund des demografischen Wandels die Hoffnung gehabt, durch Baugebietsausweisung junge Familien anzuziehen und mehr Einkommenssteuer zu erhalten, aber so einfach ist es nicht. Und es geht oft nicht auf. Es muss die Frage gestellt werden, warum sollen Menschen in die Stadt kommen, gibt es ausreichend Arbeitsplätze. Oder wird durch ein neues Baugebiet sogar der Ortskern geschwächt und zusätzlicher Leerstand produziert.

Für die Wohngebietsplanung ist wichtig: Welche Wege müssen die Menschen zurücklegen? Wo können sie einkaufen, wo sind Schule und Kita, und wo sind Ärzte und Apotheke? Wenn diese Ziele nur mit dem Auto zu erreichen sind, dann ist ein großes Fragezeichen zu machen!

Vorschläge, den motorisierter Individualverkehr zu reduzieren gibt es viele: z. B. Zusatzangebote wie E-Lastenfahrräder oder Sharing-Angebote. Hier müssen Dienstleister gefunden werden. Viele Förderprogramme können hier unterstützen.

Auch die Zuschauer*innen brachten sich im Chat mit ein: Viele Menschen fahren mit dem Auto nach Frankfurt zur Arbeit. Ellen Enslin gab den Hinweis auf die Elektrifizierung der Taunusbahn, allerdings sollte diese schon 2019 fertig sein. Da gerade die Planfeststellung läuft, könnte sich der Termin 2022/2023 auch noch verzögern.

Die Pendler*innenverkehre in der Rhein-Main-Region sind eine große Belastung. Hier wird eine tragfähige Anbindung an den schienengebundenen Verkehr benötigt. Aber auch die Wirtschaftsförderung ist gefragt, damit neue Arbeitsplätze angeboten werden können.
Durch die Pandemie Erfahrung hat sich aber auch die Arbeitswelt geändert. Wir stellen fest, dass wir in der Stadt leistungsfähige Internetanbindungen brauchen, nicht nur in Gewerbegebieten. In der GWH Wohnungsgesellschaft mbH wird, wie in anderen größeren Unternehmen umgedacht. Um die großen Pendelwege in die Rhein-Main-Region zu reduzieren, wird nachgedacht, dezentrale Coworking-Spaces mit besseren Büroangeboten anzumieten. Das könnte auch ein Modell für Usingen sein. Die Stadt der Zukunft bedeutet eben auch über den Tellerrand hinausschauen und solche Angebote für Bürojobs anzubieten, weit denken und sich mit neuen Ideen auseinandersetzten.

Für Baugebiete heißt das, umweltverträgliche Aspekte wie Brauchwasser, Fotovoltaik-Anlagen, Gartengestaltung und die Gestaltung der öffentlichen Flächen in den Blick zu nehmen. Wenn neue Baugebiete geplant werden, dann braucht es eine intensive Auseinandersetzung und einen verbindlichen Katalog festzulegen. Ferner ist zu Bedenken, dass neue Baugebiete nur einen kleinen Teil des Wohnangebotes ausmachen. Das größte Angebot ist der Bestand, der oft vernachlässigt wird.

Deshalb muss hier ein größeres Augenmerk gelegt werden:
Kommunen müssen organisieren, dass die Menschen lange in ihren Häuser wohnen können und Kommune müssen sich um die älter werdenden Menschen in ihren Häusern und um leerstehende Häuser kümmern.

Dies bedeutet ein intensives Arbeiten in der Kommune. Dies ist aber ein mühsameres Geschäft als der Neubau auf der Grünen Wiese.

Darauf wies auch ein Chatbeitrag hin: Es wurde eine Beratung für Menschen in älteren Wohngebieten gefordert.

Für das barrierearme Umbauen oder die ökologische Nachrüstung älterer Bestandbauten gibt es gute Förderprogramme vom Land Hessen und der kfW z. B. das Klimaquartier. Hier werden Bestandquartiere energetisch saniert. Es gibt den Impuls aber kein Zwang. Durch Förderung und Sanierung zahlen sich die richtigen Maßnahmen schnell aus. Mund-zu-Mund-Propaganda ist sehr wichtig und so kann es einen Schneeball-Effekt geben. Wichtig ist aber auch, dass die Kommune mit einer Begeisterung dahintersteht und von der Spitze der Verwaltung muss das Thema Schwung bekommen.

Die letzte Frage an Olaf Cunitz führte noch einmal zu den Usinger Neu-Baugebieten und zum Fuß- und Radverkehr. Es sind die kleinen Dinge wie z. B. ausreichende Rastmöglichkeiten (Bänke) und ein umweltfreundliches Mobilitätsangebot wie z. B. Pendlerbusse im Ringverkehr, die auch förderbar sind, die berücksichtigt werden sollten.

„Nachhaltige Stadtentwicklung ist nicht der allumfassende Wurf, sondern ein ideengetragenes Abwägend viele kleine Bausteine,“ so Olaf Cunitz.

Ellen Enslin freute sich über die vielen Anregungen und nahm besonders mit, dass auch die älteren Baugebiete und ihre Bewohner*innen nicht vergessen werden dürfen und ein städtisches Angebot dafür geschaffen werden muss.

Das Gespräch kann hier direkt angesehen werden.

Verwandte Artikel